Du musst… Tipps für wohlmeinende Ratschläge

Buchtitel Tommy JaudBestimmt schon mal gesehen oder sogar gelesen: „10 Must-Do’s in Social Media“ oder „5 Tipps mit denen Deine Posts durch die Decke gehen“ –  oder ähnlich. Ratgeber-Literatur versucht uns das Leben leichter zu machen. Manchmal ist es genau anders herum.

Teilnehmer in Social Media-Seminaren wünschen sie sich: „Patentrezepte“, mit denen sie ihr Social Web-Engagement gestalten können. Genau wie die schriftliche, filmische oder auch live-Ratgeber kann es nur Impulse geben. Die für das jeweilige Projekt passende Strategie und relevanten Inhalte müssen dann schon selber entwickelt werden.

Es gibt vielen Menschen ein Gefühl von Sicherheit, wenn sie tun, was renommierte Ratgeber anregen. Befolgen sie Empfehlungen nicht, macht sich gerne ein schlechtes Gewissen breit. „Ich muss … z.B. auf Twitter aktiv sein“ – aber müssen ist besonders in der Kommunikation ein ungünstiger Ansatz.

Twitter passt vielleicht nicht zum Projekt, den Zielen oder den Inhalten. Oder zumindest nicht in den aktuellen Rahmenbedingungen. Da braucht es unter Umständen Zeit und Arbeit, die eigene Strategie und die internen Voraussetzungen zu entwickeln. Dafür braucht sich wirklich niemand ein schlechtes Gewissen machen.

Für diejenigen, die…

  • jeden Tag versuchen alle eMails in ihrem Posteingang zu lesen
  • sich oft sehr unter Druck setzen, um ihren hohen Zielen gerecht zu werden
  • ihre Freizeit auf später verschieben, weil sie unter  FOMO (Fear of Missing Out – Angst vor dem Verpassen) leiden

…habe ich eine wunderbare Buchempfehlung. Alle anderen lesen jetzt weg. Denn eine tolle Ausrede zum Nichtstun ist das Buch nicht, selbst wenn es beim ersten Anschein so klingt.

Lustigerweise merkte ich erst gar nicht, dass es sich um ein Buch dreht, als mir ein Bierdeckel in einer Münchner Kneipe in die Hände fiel. Ich steckte „Einen Scheiss muss ich…“ ein. Erst viel später drehte ich den Spruch-Deckel um und sah, dass es sich dabei um Marketing für einen Buchtitel handelt. Na, das konnte ja nur ein reisserischer Kracher sein, dachte ich.

Leseempfehlung für Social Media Verantwortliche

Mal beim großen Online-Kaufhaus nachgeschaut, ob es einen „Blick ins Buch“ gibt, leider nein. Dann also irgendwann in Deutschland in einer Buchhandlung reinlesen. Tatsächlich nahm ich das Buch von Tommy Jaud schließlich am Flughafen in Berlin in die Hand. Ich reiste gerade zurück von der re:publica und lachte auf meiner Testseite 42* über „Tiere machen keinen Sport“. (Wir erinnern uns: Ich habe Biologie / Informatik studiert). Rasch bezahlte ich das Buch und überraschte die Mitreisenden mit plötzlichen Lachattacken. Und: Zum ersten Mal wurde ich zum Gate ausgerufen, weil ich im Durcheinander zweier Einstiegs-Warteschlangen lachend in der falschen stand. Großartig.

Sehr dicht und dabei locker geschrieben das Buch „Sean Brummel: Einen Scheiß muss ich“. Das „Manifest gegen das schlechte Gewissen“ hat Tommy Jaud „aus dem Amerikanischen erfunden“. Großer Spaß. Zur kurzweiligen Unterhaltung kann es in einem Rutsch gelesen werden. Ist jedoch schade. Zu schnell verpuffen dann die anregenden Denkanstöße.

Denn ja, ich habe viel gelacht, und doch ist der satirische Ratgeber kein flaches Witzbuch. Über fulminanten Sprachwitz oder aberwitzige „Lebenserfahrungen“ hinaus hat es mehr Tiefe, als die unterhaltende Oberfläche vermuten lässt. Im Gewand einer humoristischen Ausgabe eines Lebens-Ratgebers kann das Buch als ein Gesellschaftsroman und zugleich als Ratgeber gelesen werden, der zur heutige Zeit mit den vielen (z.T. selbst gemachten) an uns gestellten Anforderungen passt. 

Tommy Jaud alias Sean Brummel zeigt uns stellvertretend anhand seiner sehr überspitzt erzählten Lebensgeschichten wie ständig Ansprüche an uns herangetragen werden. Wie uns Kollegen oder wir selber uns ein schlechtes Gewissen machen, weil wir nicht an dieses oder jenes gedacht haben. Und typisch Ratgeber fasst er seine satirischen „Tipps“ in Checklisten am Ende jedes Kapitels zusammen.

Spätestens dann starteten bei einzelnen Kapiteln meine Gedanken. Kein schlechtes Gewissen über verpasste Promotion-Chancen, weil ich trotz mehrfachen Anratens keine eMail an eine Auswanderungs-TV-Produktion sendete. Bestätigung meines Weges, der Fear of Missing Out achselzuckend zu begegnen. Auf vorwurfsvolle Fragen wie „Hast Du das denn nicht auf Facebook gesehen?“ – verneine ich ohne schlechtes Gewissen. Wahrscheinlich war ich am Meer, habe Bekannte getroffen oder ein Buch(!) gelesen (quasi Joy of Missing Out, JOMO).

Der Tag hat trotz Social Media nur 24 Stunden – und ich nehme mir von dem Tag auch die Freiheit zu leben.

Das Buch ist prima für Menschen mit der Neigung ihr Leben beruflich wie privat durchzutakten. Die alle ihre eMails versuchen zu bearbeiten oder wenigstens die Betreffzeile zu lesen. Die hunderte RSS-Feeds abonnieren und sich zum Durchlesen versklaven. Die versuchen, es allen Anspruchsstellern in ihrem Umfeld recht zu machen, sich selber dabei vernachlässigen und hinten anstellen.

Sean Brummerl alias Tommy Jaud

Im letzten Kapitel schwächelt Sean Brummel leider ab, ein fulminantes Ende hat das Buch nicht. Die Texte auf den letzten Seiten wirken eher zerfahren und unausgereift. Vielleicht Beleg dafür, dass der Lektor das Kapitel wie im Buch dargelegt von Brummel „einforderte“. Hier fielen mir nur seine Kommentare zu den berühmten bucket lists besonders gut auf, u.a.:

  • „Bucketlisten erzeugen Stress“
    (siehe oben, akute FOMO-Gefahr!)
  • „Bucketlisten führen zum Tunnelblick“
  • „Bucketlisten hakt man für andere ab!“
    (siehe unten, Testfrage ob eine Aktion für sich selber gedacht ist)

Das kann ich aus teilnehmenden Beobachtungen nur bestätigen. Und passt auch etwas zur Abarbeitung „fremder“ Checklisten der gut gemeinten Social Media-Ratgeber. Wichtige Testfrage angepasst aufs Berufliche: Wollen Sie das für Ihr Unternehmen oder wollen Sie das für Ihr Facebook-Profil… So genannter cat content mag im Social Web erfolgreich sein, geradezu selten passen Katzen-Videos zum Unternehmen – Ausnahmen bestätigen hier nur die Regel.

Damit sage ich nicht, werft alle Ratschläge über den Haufen. Nehmt bitte Ratgeber-eBooks, How-to-Whitepaper oder Checklisten in Fachbüchern als das was sie sind: Anregungen, um eigene Entwicklungen zu beflügeln. Eine Liste zum Abhaken ist durchaus hilfreich: Bei der Veröffentlichung von Posts erinnert die Liste daran, nichts zu vergessen. Aus Erfahrung weiss ich, die beste Checkliste ist die, die man selber erstellt hat. Oder?

Herzliche Grüße vom Meer, DoSchu

P.S. Ach ja, wer sich über Nutzungsbedingungen aufregt, findet auf der ersten Buchseite grosses Kino. Wer die erste Seite mit den Buchnutzungs-Bedingungen überschlagen hat: mal zurückblättern, lohnt sich.

P.S.P.S.Und übrigens: Das mit dem Bierdeckel passt perfekt zum Buch: Sean Brummel ist nämlich ein Craft Beer-Brauer. Und zwar nicht nur im Ratgeberroman – sein Brummelbräu kann tatsächlich von der Bamberger Mahr Bräu bezogen werden. Auch ein cooles Marketing-Element.

* Testseite 42: Irgendwo las ich die Empfehlung zur Buchauswahl, ein Buch auf Seite XY aufschlagen und reinlesen. Spricht die Seite mir Dir und Du willst mehr wissen, dann kauf es. Ich konnte mir die empfohlene Seitenzahl nicht merken. Also habe ich die vorgeschlagene Seite mit der berühmten 42 ausgetauscht in Gedenken an den großartigen Douglas Adams („Per Anhalter durch die Galaxis“). Funktioniert für mich.

Doris Schuppe • Dieser Beitrag Du musst… Tipps für wohlmeinende Ratschläge erschien zuerst im Blog DoSchu.Com

Fotos: DoSchu / DoSchu.Com mit Marketingmaterial und Buchtitel von  „Einen Scheiß muss ich“, erschienen im S. Fischer Verlag; ich habe es mir gekauft.

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