Webseidank, was hat das Web je für mich getan?

Illustration webseiddankWebseidank kann ich jetzt remote von Mallorca aus arbeiten. Lustig: als meine Leidenschaft für Computer und Online erwachte, reiste ich durch den Draht. Jetzt ist es irgendwie umgekehrt.

Dies ist ein Beitrag zur Blogparade: „Was hat das Web Dir Gutes gebracht? #webseidank“. Wer ebenfalls daran teilnehmen mag, schreibt einen Beitrag bis zum 31. August 2016 und verlinkt den Aufruf zur Blogparade.

Wo anfangen bei dem Guten, das mir das Web gebracht hat? Ich wäre nicht die Person, die ich heute bin mit – privat und beruflich –, wenn es das Web nicht gegeben hätte. Ich fange in der Vorzeit an, also der Zeit als das Web noch nicht Web hiess. Denn das Konzept des miteinander und untereinander verknüpften Webs aus Seiten, die mit HTML codiert werden, gibt es erst seit dem 1989 entwickelten ersten Web-Browser.

Digital Pioneers

Gegen Ende der 1980er Jahre studierte ich Biologie an der Universität Marburg. Privat erforschte ich per Computer und Modem das Mailboxnetz FidoNet. Als in der mathematischen Fakultät nebenan ein neuer Professor mit einer „PC-orientierten Informatik“ antrat, war ich sogleich angemeldet. Damals war ich aus der Biologie die einzige Frau, die sich für Informatik und im besonderen für das Internet interessierte. So reiste ich in Computer in anderen Städten, per Internet sogar in Rechner, die in anderen Ländern betrieben wurden.

Zu dieser Zeit des Neulands griffen wir mit dem Dateitransfer-Protokoll (FTP; ab 1985) auf andere Computer zu, ließen uns öffentlich abrufbare Inhaltsverzeichnisse und zugängliche Dokumente übertragen. So als wäre ich vor Ort an dem Rechner in den USA oder in Australien. Auf diese Weise konnte ich mich in meinen Lieblings-Themen weiterbilden, obwohl Computer oder Internet im direkten Umfeld noch in den Kinderschuhen steckten. Und andere Menschen begeistern, denn ich freue mich, mit anderen digitale Horizonte zu bereisen.

webseidank doschu

Ich stellte mir dabei gerne vor, wie es wäre dort zu sein, wo der fernbesuchte Computer am Draht hing. Mir gefiel die Vorstellung durch das Netz in die Ferne zu schweifen. Länder bewertete ich für mich ein Stück danach, wie viele öffentliche FTP-Server im Angebot waren. Und ob etwas für mich Interessantes abrufbar war. Ein Prospekt über die Stadt oder Region war übrigens nie darunter, höchstens eine Übersicht der Universität, in der ein Rechner stand.

Digitalien, webseidank!

Webseidank bekam ich durch meine Pionierarbeit eine Beschäftigung als Fachjournalistin, da ich mich im Internet bereits auskannte, als es noch nicht wie Strom aus der Steckdose verfügbar war. Oder den Job als PR-Spezialistin für die Entwicklung von Workshops, mit denen mein damaliger Arbeitgeber Journalisten ans Internet heranführte. Meine Online-Leidenschaft habe ich zu meinem Beruf gemacht – wunderbare Idee. So ergaben sich stets neue Perspektiven, Optionen und verschiedenste „Schreibtisch-Seiten“.

Webseidank eröffnete sich mir eine Heimat ergänzend zum realen Leben: Digitalien. Hier kann ich mit Menschen gleicher Interessen vernetzen sowie Kontakt halten zu Menschen, die ich kenne. Eine besondere Form Digitaliens erlebte ich mit Second Life: Hier wurden Phantasiewelten anderer Welten-Künstler besuchbar, Sprachkurse lebendig (Goethe Institut Insel) und vergangene Welten neuerlich zum Leben erweckt. So machte ich online Zeitreisen in die nachgebildete Ausgrabungsstätte von Tut-Anch-Amuns Grab „Kings Rezzable“. Oder besuchte eine Lernwelt rund um die Wissenschaft der Maya-Kultur (Projekt der University of Washington).

Webseidank finde ich online einfach Gesprächspartner oder Informationsquellen zu „Nischenthemen“. Zum Beispiel kam ich 2013 auf die Idee, Coworking mit Urlaub in Verbindung zu bringen: Im Internet fand ich gleich das Hubud auf Bali, das wenige Monate zuvor eröffnete. Auf der nächsten Coworking Europe Conference in Lissabon traf ich den Gründer und tauschte mit ihm und anderen Erfahrungen in einer Barcamp-Session „Coworking & Tourism“ aus. Eines der Ergebnisse daraus ist unser Coworking & Coworkation Space Rayaworx auf Mallorca.

Digitalien, webseidank!

Online, aber nicht nur

Webseidank erhalte ich Aufträge durch mein Blog DoSchu.Com. Wie formulierte es jüngst eine Auftraggeberin am Telefon:
„Also Frau Schuppe, wir suchen eine Dozentin für einen Inhouse-Workshop. Jedes Thema, das wir abdecken möchten, suche ich in der Suchmaschine – bei allen war ihr Blog auf der ersten Ergebnisseite. Deshalb rufe ich Sie jetzt an.“
Als ich vor vielen Jahren einzelselbständig tätig war, ging das längst nicht so einfach.

Webseidank ist es per Skype-Video oder Google+ Hangouts möglich mit anderen Menschen einen intensiveren Kontakt zu halten als nur über Telefon oder eMails. Selbst Schulungen könnte ich übers Web halten, da fehlt mir jedoch immer noch ein vernünftiger Rückkanal. Bei Social Media-Seminarteilnehmern mit unterschiedlichem Kenntnis- und Erfahrungsstand brauch ich den Blick in die Gesichter. Dann weiss ich, ob ein Ausflug in die Basics erforderlich ist, oder ob ich das Gesagte in anderen Worten wiederholen muss.

Neue Blickwinkel

Das Besondere am Web: Es entwickelt sich weiter, und zwar sehr schnell. Klar ist es aufwändig, für jedes Seminar die Unterlagen stets aktuell zu halten. Auf der anderen Seite wird es nicht langweilig! Im Web ist Bewegung drin, und es hat sich so weit entwickelt, dass ich – webseidank – meine Projekte von nahezu jedem Ort der Welt erledigen kann. Von meinem gewählten Standort auf Mallorca kann ich ebenso an nahezu jeden Ort reisen, wenn es zu einem Seminar oder Workshop geht. Durch die Blogparade wurde mir bewusst:

Früher reiste ich durch den Draht und durchs Web in andere Welten – jetzt sehe ich es mehr so, dass die Informationen und Kontakte der Welt über den Draht zu mir kommen. Faszinierend.

Flexibel, webseidank!

Doris Schuppe • Dieser Beitrag Webseidank – was hat das Web je für mich getan? erschien zuerst im Blog DoSchu.Com

Fotos und Illustrationen: DoSchu / DoSchu.Com

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